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Erwachen - Assoziationen auf Lanzarote
(Kunstmappe: 7 Radierungen/4 Textseiten)

Text: François Maher Presley
Radierungen: » Winfried Wolk
Diese Kurzgeschichte ist Teil des Bandes »Denkspiele«


Da ist ein Text, eine interessante und bedenkenswerte Schöpfungsgeschichte, geschrieben von François Maher Presley. Der Graphiker Winfried Wolk verleiht ihr in sieben graphischen Blättern eine bildhafte Deutung. Er setzt dabei nicht nur lesbare Textsequenzen in aussagekräftige Bilder um, sondern findet in seinen freien Interpretationen ebenso ungewöhnliche Formen und Kombinationen, wie seinem Empfinden nach der Text es erfordert. So teilt er die Druckplatten der farbigen Radierungen, schafft eine eigene Welt als eine Summe von Einzelteilen und findet damit eine gültige Form. Die Farbigkeit suggeriert Erdigkeit und Mystik.

Sind die farbigen Radierungen allein auf Grund ihrer technischen Brillanz bestechend, schafft er in einer Variation des Themas in einer Auflage von fünf Exemplaren durch die Kombination von Radierung mit digital bearbeiteten und gedruckten Bildhintergründen eine bislang einzigartige künstlerisch-technische Konstellation.

Dem freien Kaltnadelstrich und der lebendigen Aquatintastruktur ordnet er die Konkretheit fotografischer Gegenständlichkeit und diffiziler Farbflächen zu und erreicht damit eine verblüffende Wirkung. Die innovative Verflechtung traditioneller mit digitaler Bildbearbeitung und Drucktechnik ist eine absolute Neuheit. Die so geschaffenen Blätter ermöglichen Seherlebnisse, die ganz einzigartig und ungewöhnlich sind, eine Schöpfungsgeschichte Wolk´scher Art.

Aus dem Inhalt

....»Nun gut, Amphibius, so soll heute mein Geist der Deinige sein. Dein Gedanke wird gestalten. Dein Wille schon wird zur Tat. Das was Du denkst, das bist Du. Das was Du hoffst, das wirst Du sein. Macht, Amphibius, heißt geben. Ich gebe mich Dir, weil ich alles bin, Dein Leib und Deine Seele. Öffnest Du Deine Augen, so erblickt die Welt das Licht, und Deine Trauer wird Zorn über die Weiten bringen. Aber lerne Amphibius!« Als Amphibius den Tag neu erblickte, da wurde der Stein zu Leben, nahm die Formen des Menschen an, weil gedacht in der Zweisamkeit die Einsamkeit keinen Platz zu haben scheint, weil der Geist, nun existent, die Tat forderte, doch mit ihr auch den Trug. »Du bist groß und schön, und hell ist Deine Haut. Wer bist Du, Stein?« »Ich bin die Tat, die Dein Gedanke forderte, Amphibius. Ich bin Dein Atem. Ich bin Dein Leben. Die Größe, die Du siehst, ist die Kraft, die Du als Schutz begehrst. Meine Schönheit soll Dir Liebe sein, und die Farbe meiner Haut ist die Farbe der Geburt. Sie ist rein und gut. Lerne Amphibius! Dein Wille nun ist die Tat. In Dir beginnt alles, und alles findet in dir sein Ende.« »Sei mir Freund«, sprach Amphibius, »nimm die Einsamkeit, schenk Liebe und Achtung, denn was gilt mein Sein, wenn keiner ihm bedarf?« »Ich bin Du«, sprach der Stein, »ich bedarf Deines Lebens, ohne ihm gilt meines nichts. Lebe die Einsamkeit, sie allein gibt Dir die Kraft der Erkenntnis, sie nur zeigt Dir den Weg und das Ziel. Suche nicht den Zweiten, finde ausschließlich den Einen in Dir, und Dein Geist wird Begegnung sein. Erkenne Dich, so bist Du Achtung. Verstehe Dich, und Du wirst Liebe sein. Lerne Amphibius, lerne!«

Amphibius sprach: »Die Zeit gab mir den Geist. Dieser Geist nun gab Dir den Körper. Ich habe nie besessen, Stein. Dich nun besitze ich! Du bist mein! In Dir gebärt sich meine Macht!« »Amphibius, so lerne! Dein Gedanke ist! Nun erst beginnt die Tat ihr Leben, doch alles das, was einen Anfang kennt, lebt auch das Sterben, kennt den Tod. Die Dinge sind zwei, sie kommen und gehen, doch halten sie sich immer die Waage. Du kannst nicht halten, was vergänglich, Du kannst nicht besitzen, was nicht in Deinem Wesen ist, und jenes besitzt Du nicht in Deinem Wesen ist, und jenes besitzt Du nicht, Du bist es. Dennoch, Amphibius, besitze und liebe mich. Ich bin Du! Liebe mich, weil sie Geist ist. Sie gab dir die Gunst des Erkennens, weil sie Erkenntnis ist. Sie gab mich Dir, weil auch Du Dich in ihr manifestierst. Amphibius, lerne! Alles geben kommt aus dem eigenen Sein und kehrt dorthin zurück. Die Liebe, die Du bekommst, ist die Liebe, die Du gibst, auch die Liebe und gerade die, die Du Dir selber gibst.«

Der Mensch war allein auf dieser Welt, und sein Geist schuf den zweiten Teil. Einen Teil, der nicht nur Geist, sondern auch Körper war, und der Mensch begehrte diesen Körper, wollte berühren, fühlen, Einheit sein. Dem Geist des Menschen entsprechend, bot der Stein Amphibius die Hand. »Lerne Amphibius, dass Körper und Geist schon Einheit sind. Die Sinnlichkeit meiner Lippen gehört ebenso in mein Gesicht, wie die Tiefe und Weite meiner Augen. So nimm mit Deinem Geist meinen Körper und lasse Deinen Körper meinen Geist umarmen! So werden wir Einheit sein, denn ich bin Du, und keine Moral auf dieser Welt gilt mehr, als das Gesetz der wirklichen Moral in Dir. Es soll nur der Augenblick gelten, der nichts bewegt, der nicht verändert, der gestaltend wirkt, aber dennoch nur die Einheit erschafft, die es immer schon gab. Doch dann, Amphibius, gib mich frei! Schenke dem Gedanken die Ferne, vergiss nicht! Doch lebe erneut, denn wie Du lerntest, heißt Macht - geben. So gib Dich frei!« Amphibius nahm den Stein und wurde eins mit ihm, so wie er auch eins mit sich wurde, eins mit Körper und Geist, sich hinnehmend wie er war, weil sein Sein gut war, wie es erschaffen wurde. So galten nicht die Regeln, die das Leben zur Materie entarten ließen, zu unabänderlich Vergänglichem. Es galt die Bewegungslosigkeit der Einheit, die in sich die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft barg. Amphibius musste nun erkennen, dass das Gegenüber die Reflexion des eigenen Seins ist. Er erkannte auch, dass wer alles gibt, nur alles hat, und das Leben ein ewiger Kreislauf ist aus Gebären und Zerstören, die Seele aber sich spiralförmig bewegt, erst aus dem einen, dann in das nächste Leben, sich weiterentwickelnd, bis hin zum Ziel. Er wusste nun, dass alles was ist, zuerst in ihm war, und die Erkenntnis von einem selbst den nächsten erst erkennend macht...