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Interviews

Hier finden Sie eine kleine Auswahl von interessanten Interviews, die mit unseren Autoren geführt wurden oder die diese führten und die in ihrer Form ungewöhnlich sind.

Menschliche, sehr gesunde Neugier

Ausstellung: zwischen frage & antwort

Im (Email-) Dialog mit Oliver Kremershof, Kurator der Ausstellung "Die Interview: zwischen frage & antwort", stellt sich der Autor und Journalist François Maher Presley vom Stadtmagazin "Kultur in Hamburg" Fragen zum Thema der Ausstellung. Im Fragenstellen erkennt er die Normalität, den Kern für jegliche Fortentwicklung - persönlicher Art und der Evolution im Allgemein.

 

Oliver Kremershof: Zunächst würde mich interessieren, welche Bedeutung Interviews in Ihrer täglichen Arbeit haben?

 

François Maher Presley: Nur sehr wenig Bedeutung, um nicht zu sagen keine. Die Zeit ist schnelllebig, der Arbeitsdruck sehr groß. Ein Interview bedarf einer gewissen zeitlichen Organisation, eines Treffens, einer Konzentration auf das lebendige Gegenüber und zudem sehr viel Nachbearbeitung.

 

OK: Weiterhin: Sehen Sie Unterschiede zwischen einem normalen Gespräch und einem Interview?

 

FMP: Es sind natürlich unterschiedliche Begrifflichkeiten.

 

Unter einem Interview verstehen wir weitläufig eine Art Frage- und Antwort-Spiel, ein den Gesprächspartner oder seine Ansichten zu einem bestimmten Thema oder gar seine Vita durch gezielte Fragen und entsprechend gezielte Antworten oder Umschreibungen oder gar verwirrende Antworten Kennen-Lernen, vielleicht ein Discovern eines Kerns, in welcher Hinsicht auch immer.

 

Ein Gespräch ist oftmals weniger ein Fragen und Antworten, eher ein Austausch von Meinungen z.B. zu einem oder mehreren Themata, die Feststellung von Unterschieden in Ansichten oder gar Gleichnissen, nicht unbedingt beschränkt auf Richtigkeit in der Sache, nicht nötigerweise auf gleichem Niveau stattfindend, nicht unbedingt ergebnisorientiert, oft eher mitteilend, oft eben auch aufzählend unabhängig davon, ob es im gegenseitigen Interesse ist, diese Informationen, die ja nicht abgefordert werden müssen und werden, weiterzureichen usw.

 

OK: Haben Interviews einen speziellen Nutzen bei der Vermittlung kultureller Ereignisse und Orte - wenn ja welchen?

 

FMP: Interviews wirken oftmals "ehrlicher", in jedem Fall persönlicher und authentischer, soweit die Gesprächspartner auf die Unwahrheit oder komplizierten und alles umfassenden und damit sehr schwammige Formulierungen verzichten. Sie sind sicherlich bei Fernsehen und Radio von größerer Bedeutung als für die Presse, die sehr gut auch als Berichterstattung und Erläuterung der Sachverhalte funktioniert, was zudem vom Leser ja auch gewollt ist und erwartet werden dürfte, soweit er sich überhaupt für das Thema interessiert.

 

OK: Was ist die Frage hinter allen Fragen?

 

FMP: Menschen sind neugierig. Diese Neugier, eigentlich egal wie diese und auf welchem Niveau sie zum Ausdruck kommt, ist es, die die Evolution immer vorangetrieben hat. Unsere Entwicklung wird getrieben von der Fragen nach dem Warum und Weswegen, nach dem Wie, Woher und Wohin. Den Unterschied zu eben dieser Entwicklung und damit auch die Bedeutung der Frage also solche und als Eigenart des menschlichen Charakters ist im Vergleich zu erkennen zwischen der so genannten 1. Welt und der 3. Welt, wo oftmals Systeme vorherrschen oder Religionen, die Fragestellungen und deren Beantwortung oder der Versuch deren Beantwortung eher unterdrückt oder gar indirekt sogar verboten werden, in dem anzunehmen gelehrt wird, niemals zu hinterfragen, ganz wider der menschlichen Notwendigkeit, ganz im Gegensatz zu seinem Charakter und ganz und gar entgegen jeglicher Entwicklung, eine weit verbreitete Form der Unterdrückung und Manifestation eines Machtgefüges, dass zumeist zu Lasten der Massen geht. Fragen ist zuletzt der Beginn von Bildung. Bildung ist für Entwicklung, für Fortkommen und für ein selbstbestimmtes und "gutes" inhaltliches Leben nötig, oftmals aber nicht gewollt.

 

OK: Was ist zwischen Frage und Antwort?

 

FMP: Da ist eine gewollte, eine womöglich ungewollte, eine geplante Spannung, die sich durch die Antwort auflösen kann, soll, wird und in diesem Zwischenraum noch offen lässt, ob die Frage eine Bestätigung, eine Antwort, eine Klarheit, eine Verweigerung oder eine Verirrung als Reaktion erhält oder sich nachträglich sogar auflöst, unwichtig erscheint, gut gestellt, gut durchdacht ist etc.

 

Spannung.

 

Manchmal ist da aber auch die Befriedigung und der Stolz des Fragenden im Raum, der sich durch seine Form der Formulierung eine gewisse Bedeutungsschwangerschaft verleihen möchte oder gar durch die Länge der Pause bis zur Antwort einen Rückschluss auf den Schwierigkeitsgrad der Fragestellung und damit auf sein eigenes Können erhofft und auf der Seite des Befragten kann die Pause und manchmal soll eine Pause und insbesondere eine langgezogene Pause auf seine eigene Nachdenklichkeit aufmerksam machen, der eigentlichen und noch folgenden sprachlich verfassten Antwort eine gewisse Tiefe vermitteln soll, eine gewisse Ehrlichkeit oder gar den Nimbus der Richtigkeit.

 

Da findet sich dann im Dazwischen Rhetorik.

 

OK: Abschließend möchte ich mein Interview mit der folgenden, vielleicht etwas abstrakten Frage: Läßt sich vielleicht auch eine Reise als eine Art Fragestellung verstehen?

 

FMP: Nur als eine solche, wenn man sich nicht im primitiven Zeitvertreib in der Sonne am Strand, in der Diskothek oder einer Bar vergeht. Jede Ansicht eines Bildes ist der Beginn einer Reise durch eben dieses Werk, durch das wir mit den Augen des Malers die Welt neu entdecken können und erlernen sie anders zu sehen, als bisher geschehen, nicht nur selbst Fragen zu stellen, nicht auf eine Antwort hoffen beim Betrachten, sondern womöglich auf Antworten stoßen, weil sich in der Frage auch immer die Antwort befindet, nicht nur sinnbildlich, sondern selbst in der Formulierung.

 

Ich gehe noch weiter und verstehe den wiederkehrenden Alltag als eine Reise und damit als eine Fragestellung nach dem Sinn, dem Zweck, dem Weg selbst und ein Ziel. Denken ist zuletzt Reisen. Begegnungen sind Reisen. Gespräche, Blicke, sogar Ignoranz. Reisen, Fragestellungen, Antworten, bei vielen leider sehr viel dazwischen, dessen Längen zu dramatischer Lethargie führt. Mit den Sinnen nicht reisen und somit nicht fragen und keine Antworten erhoffen, suchen und finden oder bekommen ist ein schleichendes Sterben und wider der Entwicklung, der Evolution, der menschlichen und sehr gesunden Neugier.

 

Kurz und abschließend zu Ihrer Person:

 

OK: Ihre Ideen und Realisierungen?

 

FMP: Die Idee war immer leben. Das konnte ich bisher immer realisieren.

 

OK: In Ihrer Zwischenzeit?

 

FMP: Kreative Zurückgezogenheit, kein Warten, kein Hoffen, nur Besinnung auf das Eigentliche.

 

OK: Haben Sie vielen Dank für das Interview!

 

FMP: Bitte.

 

Interview: zwischen frage & antwort

Xenia Lesniewski, Lisa Marei Klein, Franz Dittrich, Norman Hildebrandt, Janine Thürer, Smood & Cornsen

Kurator: Oliver Kremershof

Zu sehen in der Preisträgerausstellung des Jungkuratorenwettbewerbs von KunstLeben e.V.

16.06. Vernissage, bis zum 21.06.2010 Finissage Publikationsreleaseparty

in der kulturreich Galerie Hamburg, Wexstraße 28.

Peter Reitberger

Ein Gespräch mit François Maher Presley

FMP: Ihre Arbeiten erscheinen wie durch zwei Bereiche geprägt: harte, graphische Linien; sehr flächige Materialität in starken, aus dem Bild heraus springenden Farben. Zusammen aber bedingt das Eine das Andere, um die Bilder zusammen zu halten. Wie entwickeln Sie Ihre Farbkompositionen, und ist es so, dass die strenge Graphik das Bild zusammenhält, ihm eine Linie zeichnet?

 

PR: Das Hauptinteresse in meiner Malerei gilt der zunächst der Ausdruckskraft der Farbe. Farbe vermittelt sich am überzeugendsten über die Fläche: zunächst entsteht eine erste Farbfläche, zumeist aus einem mutwilligen Impetus heraus, aus purer Lust auf eine bestimmte Farbigkeit oder ein bestimmtes Farbmaterial. Im nächsten Schritt reagiere ich auf diese erste Fläche mit der weiteren, die meist irgendwo im komplementären Bereich liegende Farbfläche, sowohl vom Farbwert her als auch seines haptischen Charakters her, mit dem Ziel, Spannung zu erzeugen. Wo diese beiden Flächen aneinandergrenzen, entstehen materialbedingt Verwerfungen, die nichts mit graphischen Abgrenzungen oder gar Gerüsten zu tun haben. Manchmal sind die Flächen so schmal, dass sie wie Linien erscheinen – es handelt sich aber immer um Flächen.

 

FMP: Wenn am Anfang die Farbigkeit, die Lust auf Farbigkeit steht, stellt sich schnell die Frage nach dem Inhalt, den Sie transportieren wollen. Entwickelt dieser sich mit dem Vorgang der Komposition, ähnlich wie Kafka einmal sagte, dass sich seine Geschichten beim Schreiben selbst fortschreiben, oder geht es Ihnen vor allem erst einmal um Komposition von Ästhetik?

 

PR: Nicht so sehr die Komposition von Ästhetik steht im Vordergrund als vielmehr die dialektische Entwicklung weiterer Farbfelder mit der Zielrichtung einer harmonisierenden Spannung. Eine “prozesshafte” - um bei Kafka zu bleiben - Entwicklung des Bildes beginnt. Dabei ist mir bewusst, dass die Gestaltung der Farbflächen immer in Bezug zu meiner Autobiografie steht.

 

FMP: Sie sprachen einem Bezug der gestalteten Farbflächen zu Ihrer Biografie. Ihre Eltern waren im diplomatischen Dienst. Sie reisten viel mit ihnen, lebten in unterschiedlichen Kulturen, ja Zeiten, kann man sagen. Verbinden Sie Erlebnisse mit Farben, mit Strukturen, und setzen Sie gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Zusammenhänge in der Gestaltung Ihrer Arbeiten um?

 

PR: Das Nebeneinander unterschiedlicher Farbflächen spiegelt die vielfältigen internationalen Wirtschafts- und Kulturräume wider, in denen ich aufwuchs. Lokalkolorit konkurriert mit schemenhaften atmosphärischen Erinnerungen an örtliche Gegebenheiten.

 

FMP: Eine harmonisierende Spannung allein reicht sicherlich, um eine äußere Wirkung zu transportieren und bleibt zuletzt nur in Ästhetik zu bewerten. Worin aber besteht das inhaltliche Angebot für die Betrachter, für eine Gesellschaft, um Entwicklung aus dem Gedanken, Ihrer Arbeit heraus auch hier zu gestalten?

 

PR: Meine Malerei beschreibt ein Lebensgefühl in einem globalisierten Weltgefüge aus eigenster Lebenserfahrung heraus. Es bietet dem Betrachter die Möglichkeit, sich in diesen globalen Landschaften zu spiegeln und vielleicht seinen Stellenwert in punkto Verantwortung zu finden, gerade jetzt, wo ein weltweiter Klimawandel jeden einzelnen Menschen fordert.

 

FMP: Diese Sichtweise auf Ihr sehr umfangreiches Werk wird dem schnellen Betrachter eher nicht deutlich. Hilft hier vielleicht auch das unbewusste Empfinden eines jeden Einzelnen, dass Farbe, Struktur und Form von den Arbeiten übernimmt, einen Eindruck, eine Suggestion bereitwillig annimmt und diese unbewussten Eindrücke mit den eigenen Erfahrungen der Menschen, mit eigenen Sinnbildern und Einsichten sich zu einer gemeinsamen Empfindung gegenüber Ihrem nicht offensichtlichen Anliegen vermengt, also faktisch auch ein bisschen Ihr Lebensgefühl, Ihre Empfindungen und Ihre Fortbewegungsvorschläge, wenngleich auch nun um das Empfinden des Betrachters erweitert, überträgt?

 

PR: Dem Betrachter fällt gewiss die zunächst heterogene Malweise meiner Bilder auf, d. h., dass die jeweiligen Farbfelder eines Bildes immer in einer bestimmten Technik gearbeitet sind und so mehr oder weniger hart aneinander grenzen. Diese separaten Farbfelder repräsentieren die unterschiedlichen Regionen, die ich seit meiner frühesten Zeit kennen gelernt habe. Diese collagierende Maltechnik entwickelt sich durch den Malprozess zu einer spannungsgeladenen Harmonie, d.h., alle Gegensätze unterschiedlicher Regionen reagieren miteinander. Hier liegt mein Angebot an den Betrachter, sich mit der Vielfalt der Farben zu identifizieren, um mehr Bewusstsein für unsere globalisierte Welt und damit seine eigene Position darin zu entwickeln.

 

FMP: Es fallen mir vier von Ihnen verwendete Formate auf. Zum einen 160 cm x 160 cm, dann das kleinere Format von 120 cm x 120, sowie 40 x 50 cm und seit neuem das kleine Format 15 cm x 15 cm. Die Maltechnik ist überall die gleiche. Es gelingt auch überall, auch bei den sehr kleinen Formaten, ausgewogen selbst große Flächen zu setzen, ohne dass der Rahmen gesprengt wird. Wodurch bedingt sich in Ihrer Arbeit die unterschiedliche Wahl der Formate, und steht auch bei den kleinen Arbeiten die eben von Ihnen beschriebene Idee im Mittelpunkt?

 

PR: Das Quadrat ist das neutralste Bildformat. Da ich am Anfang noch nicht weiß, wohin mich der Malprozess treibt, halte ich mir die Festlegung auf oben und unten so lange wie möglich offen. In den großen Formaten habe ich die abstrakten globalisierten Landschaftsbilder entwickelt, die durch ihre Größe allein schon eine nicht zu übersehende Präsenz erzielen. Die rechteckigen Hochformate mit landschaftlichem Charakter empfand ich als eine Herausforderung, weil so landschaftliche Schichtungen ganz andere, noch viel abstraktere und damit mehrdeutigere Aspekte bekommen. Dem stehen die ganz kleinen Formate mit derselben Thematik entgegen. Auf handtellergroßen Formaten entstehen komplette abstrakte Landschaften, die mit den großen Formaten zusammen auf eine mikro- makrokosmosartige Beziehung verweisen, vielleicht in Reminiszenz an den Maler Wols, der in den 40-er Jahren auf handtellergroßen Radierplatten seine Handlinien einritzte.

 

FMP: Gerade die kleinen Bilder erscheinen fast etwas therapeutisch. Man mag sich vorstellen, dass der Betrachter in das Werk Reitbergers eingreift und durch die ganz persönliche Wahl und Zusammenstellung der ihn ansprechenden Bilder sich einbringt, am Werk, an Größe und Umfang, an Aussage und Ausdruck beteiligt wird. Kunst als Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter, auch eigene Weltsicht einbringen, eine Art bildhafte Diskussion?

 

PR: "Franz jagt in seinem total verwahrlosten Taxi quer durch ganz Bayern" – Dieses Panagramm, ein Satz, in dem jeder Buchstabe unseres Alphabets mindestens einmal vorkommt, ist der Titel einer umfassenden Installation aus vielen dieser kleinen Landschaftsbilder, die zum ersten Mal im September 2009 in der Fabrik der Künste gezeigt wurde, später in erweiterter Form mit neuen Arbeiten gezeigt wird. Die 26 Buchstaben stehen für je eine Farbe, und der Satz an sich stellt ein wunderbares surreales Bild meines nomadisierenden Wanderlebens in früher Jugend dar. Zu dieser Reise möchte ich den Betrachter gern einladen.

Ich bin auch ein Mensch.

Domenika Niehoff im Gespräch mit François Maher Presley

Domenica Niehoff und ich haben viele Monate miteinander verbracht. Sie führte mich über die Reeperbahn, zeigte mir die Bordelle, Zuhälter, Nutten, die sich rührend um mich kümmerten, zeigte mir die Herbertstraße, ließ mich in ihrem Schaufenster sitzen und Kunden beschauen, so wie wir von Kunden - bedingt durch meine Anwesenheit - erschrocken beschaut wurden. Sie führte mich in die Szene ein und gab mir auch Einblicke in ihr eigenes Leben und Empfinden. Eine interessante Zeit für mich, die später einmal zu meinem Buch über einen jungen Prostituierten aus Tschechien, “Tomas”, führte. Damals, Anfang 1990, entstand dieses Interview, das wir hier aufgrund der Überlänge in Folge wiedergeben und damals u.a. lobend auch in der ZEIT Erwähnung fand. Neben Hans Eppendorfer war Domenica für mich eine der Personen, die mein Denken und Schreiben, meine Erfahrungen in unserer Gesellschaft und Erlebnisse in der Zeit von 1987 bis 1991 am stärksten beeinflusst haben. Sie zeigten mir die vielen Seiten unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dafür Danke ich beiden Verstorbenen. Im Februar 2009

 

Alle haben schon alles über Domenica Niehoff gelesen, jeder weiß es besser, mache sogar kennen sie, geben das nicht zu oder geben damit an. Domenica, die hure, dargstellt wie die menschliche Wollust, wie eine männerfressende Lederfrau, wie eine Sexmaschine. Kaum ein Journalist hat sich wirklich für den Menschen Domenica interessiert, einfach mit ihr privat geplaudert, ohne im Hinterkopf an die große Schlagzeile, den Reißer zu denken, kaum jemand kann sich vorstellen, dass diese Frau gläubig ist, anderen hilft und selber auch mal Hilfe braucht. Wichtig war immer nur der Skandal - niemals das Gefühl. Wichtig war das Objekt - niemals der Mensch.

 

Glauben Sie, dass junge Prostituierte ausschließlich aus sozial schlechteren und zerrütteten Familien kommen?

 

Ich denke, dass sozial schlechter gestellte Familien nicht auch immer zerrüttete Familien sein müssen. In der sogenannten Oberschicht gibt es ebensoviele zerrüttete Familien, sehr viel Unglück, sehr viele Probleme, die lediglich in den ersten Jahren zugedeckt werden auch durch die finanziellen Möglichkeiten eines solchen Haushaltes. Ausschlaggebender scheint mit die Zerrüttetheit der Familie zu sein. Und die ist sehr häufig auch in diesen Geld- und Gesellschaftskreisen zu finden.

 

Die Öffentlichkeit fordert, dass härter gegen Kinderprostitution vorgegangen wird. Zu dieser Öffentlichkeit gehören auch unsere Politiker. Stammen aus diesem Berufszweig keine Freier?

 

Ich könnte mir vorstellen, dass Politiker aus St. Georg genauso eine 14-jährige suchen wie andere auch. Im Großen und Ganzen ist es eben nicht nur der einfache Arbeiter. Auch hier sind alle Schichten betroffen. Für mich sind das übrigens keine Freier. Der ordentliche Freier sucht sich eine Hure, der sucht sich ein Kind. Für mich sind das Kriminelle, die sich speziell zu einer 14-jährigen verlaufen. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen, die kommen aus allen Gesellschaftsgruppen.

 

Was könnte der Gesetzgeber tun, um diesen jungen Menschen zu helfen?

 

Die Anerkennung wird wohl kommen. Wir sind als Berufsstand derzeit völlig rechtlos. Diese Anerkennung wird jedoch erst ab 18 Jahren gelten. Früher hat man die jungen Märchen einfach weggeholt. Das aber reicht nicht aus. Man muss sich natürlich um diese Kinder kümmern. Abgesehen davon, dass die vermisste Liebe, das Verständnis den Kindern schon früher hätte entgegengebracht werden müssen. Das nun mit 14 Jahren nachzuholen ist etwas spät. Auch geholfen werden kann mit Aufklärung. Neulich waren Schüler bei mir. Die wollten über dieses Thema in ihrer Schülerzeitung berichten. Der Lehrer war einverstanden. Der Direktor der Schule jedoch wollte das verbieten. Die Schüler sind 18 Jahre alt. Für die war das interessant. Schließlich sind wir 400.000, und man kann uns nicht einfach wegstreichen. Da kann der Direktor doch nicht sagen, so etwas gehört nicht in die Schülerzeitung. Diese jungen Leute müssen informiert sein. Ein Teil der Gesellschaft kommt zu uns. Und wir sind ein Teil der Gesellschaft. Man kann uns nicht einfach verschweigen. So etwas ärgert auch die Jungen. Sie wollen Fragen stellen, wissen, warum die Leute zu uns kommen.

 

Warum kann der Direktor es verboten haben?

 

Natürlich sind wir selbst auch gegen den Beruf “Hure”, die Sozialarbeiter ebenso wie die Mädchen und ich. Dann kommen die jungen Mädchen und fragen sich, werde ich jetzt Frisöse oder Hure. Das wäre nun wirklich zu einfach. Die erfahrenen Huren jedoch wollen Steuern zahlen, sie wollen ihren Beitrag für die Krankenkasse und Rente bezahlen, ein Teil des sozialen Netzes werden. Es wäre z.B. möglich, durch eine Rentenkarte zu kontrollieren, wer anschaffen geht. An Minderjährige dürfte diese nicht vergeben werden. Mir wurde mal gesagt, wenn wir genauso Steuern zahlen würden wie die anderen Menschen auch, wäre sicherlich für viele junge Mädchen dieses Geschäft weniger interessant. Vielleicht würden dadurch viele wegbleiben.

 

Viele Mädchen und Jungen sind doch offensichtlich rauschgiftsüchtig, sogar mit AIDS infiziert. Was halten Sie davon, dass z.B. der Diakon der evangelischen Kirche, Pioch, predigt, dass keine Präservative verteilt werden sollen, trotz der Tatsache, dass AIDS ansteckend und tödlich ist?

 

Was soll ich dazu noch sagen?

 

Genau das, was Sie dazu denken.

 

Da kann ich nichts mehr zu sagen. Da kann ich nur noch schweigen.

 

Aus welchem Grund könnte ein solcher Diakon auf die Idee kommen, so etwas zu predigen?

 

Was nicht sein darf, das nicht sein soll.

 

Warum darf es nicht sein?

 

Für die sind wir Prostituierten Sünderinnen. Geschlechtsverkehr und Geld ist für die Kirche etwas Unerlaubtes und Verbotenes.

 

Was genau nun ist die Sünde? Ist es die Sünde, Geld zu bezahlen oder Geld zu nehmen?

 

Wenn es eine Sünde ist, sind beide Seiten Sünder.

 

Wo, meinen Sie, ist der Schmerz größer, wenn ein Mann 150 DM für eine 14-Jährige bezahlt oder für das Mädchen, wenn dieser Mann nun mit ihr Sex hat?

 

Der Schmerz ist bei dem jungen Mädchen größer. Der ist bei diesem Kind unendlich. Sie wird damit nicht so fertig, kann damit nicht umgehen wie z.B. ich. Ich habe meine Männer im Griff im Gegensatz zu denen. Da haben die Männer die Mädchen im Griff.

 

Wissen Sie, was Drogen kosten?

 

Ich schätze 150 bis 200 DM am Tag.

 

Und wenn man das Geld nicht hat, geht man z.B. auf den Strich. Also erhöht sich doch der Preis um die seelischen Leiden?

 

Ja. Es ist unbezahlbar, was man dabei verliert. Da leidet die Seele und der Körper - Selbstmord auf Raten - nur Leiden. Eine Hure, die anschaffen will, geht für das Geld. Eine Drogenabhängige geht in erster Linie wegen der Droge. Da besteht ein Unterschied.

 

Gehen also viele junge Mädchen wegen der Drogen auf den Strich?

 

Ja, sehr häufig.

 

Hark Bohm hat den von vielen sehr gelobten Film “Yasemin” gedreht. Hat der Film denn etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

 

Ich sag immer, Hark Bohm hat sein Türken-Problem. Das andere Türken-Problem ist das, was die Türkinnen wirklich erleben. Ein Mädchen sagte mir, es wäre ja sehr schön, wenn ihr Leben so ablaufen würde wie die in dem Film. Leider hat sie es genau umgekehrt erlebt. Der Bruder hat den deutschen Freund geschlagen, die deutsche Mutter und die Schwester. Bohms Film hat nun wirklich nicht viel mit der Realität zu tun.

 

Was denken Sie, wie jemand reagiert, der in der letzten Nacht bei ihnen war und Ihnen nun am Tage auf der Straße begegnet?

 

Ich habe eine Kollegin, die darüber empört war, dass ein Gast zu ihr sagte: “Ich würde Dich auch nicht grüßen, wenn ich Dich draußen sehe.” Ich bin da ganz anders. Ich habe meine Gäste, die ich näher kenne, manchmal schon 15 Jahre. Wer grüßen will, der grüßt. Wer nicht grüßen will, der lässt es eben bleiben. Ich habe auch für die Verständnis, die nicht grüßen wollen.

 

Ist die Hure nicht auch die seelische Hure, die außer den körperlichen Begierden für die seelischen herhalten muss?

 

Ich lasse mich nur solange benutzen, solange ich es aushalten kann. Aber dazu ist eine gute Hure da, um auch mal den Mülleimer zu spielen. Das ist unser Beruf.

 

Entlädt sich da viel Frust oder Gewalt?

 

Ach, mehr Frust als Gewalt. Aber es kommen ja auch jüngere Männer, die mich fragen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist. Die kennen niemanden oder wollen keinen anderen Menschen fragen. Und so ist das anonym. Aber ich bin ja bereit zu helfen. Schließlich nehme ich dafür Geld. Die jungen Mädchen haben diese Erfahrungen nicht.

 

Wo ist denn die größere Empfindung, beim Freier oder bei der Hure?

 

Bei einer richtigen Prostituierten gibt es gar keine Empfindungen. Eine richtige Hure ist eiskalt, die nimmt das Geld und macht ihr Ding.

 

Also mehr Empfindung beim Freier?

 

Ja, ich kann den Mann ja auch klein oder groß rausgehen lassen. Ich kann mit den Männern spielen.

 

Und viele Männer wollen klein rausgehen?

 

Das wollen viele.

 

Es soll ja so sein, dass gerade jene Menschentypen, die gesellschaftlich viel Macht und Stärke verkörpern, eine devote Grundhaltung im Privat- oder Sexualverhalten haben. Fällt Ihnen das auf?

 

Doch, es ist schon auffallend. Neuerdings aber kommen auch schon 18-jährige und sagen, dass ich mit ihnen Sachen machen soll, die angeblich nicht normal sind. Ich habe z.B. den Kriegsjahrgang erlebt. Die wollten ganz harte Schläge haben, bis zu 200 Stück. Wir hatten z.B. mal einen Juden. Der suchte immer ein Badezimmer mit Fliesen, und wir mussten KZ-Wärterinnen spielen. Der ist mit seinen Erlebnissen nicht fertig geworden. Der kann das nur verarbeiten, wenn er das immer wieder bei uns nachspielt. Der Kriegsjahrgang kannte noch dieses Stöckchen. Die wollen eins drauf haben, um etwas zu spüren. Und die Jungen heute, die womöglich noch nie einen drauf bekommen haben, die glauben, sie hätten das verdient und holen sich bei uns die Strafe.

 

Sind Sie religiös?

 

Doch, ich bin so religiös, dass ich sagen kann, du kannst keine Hilfe verweigern.

 

Was heißt Religiösität für Sie?

 

Helfen. Den Schwächeren helfen.

 

Welcher Konfession gehören Sie an?

 

Der römisch-katholischen.

 

Zahlen Sie Kirchensteuer?

 

Ja, ich zahle Kirchensteuer. Die habe ich immer bewusst gezahlt. Ich würde nicht wegen des Geldes die Kirche verlassen.

 

Und die Steuer wird genommen?

 

Bisher ja.

 

Wird Ihnen kirchliche hilfe gewährt?

 

Noch nicht.

 

Sie zahlen also Kirchensteuer, sind religiös und dennoch will Ihnen der Diakon Pioch nicht helfen?

 

Herr Pioch hilft - aber nur heimlich. Wieso heimlich?! Er macht doch die Verwaltung für das Café Sperrgebiet.

 

Doch er lehnt es ab, Sie dort als Helfende tätig sein zu lassen?

 

Ja.

 

Wie sind Sie aufgewachsen?

 

Ich bin sehr fromm aufgewachsen. Ich war immer Vorbeterin, habe mich immer vorgedrängelt. Ich bin bei katholischen Nonnen aufgewachsen, war im Kirchenchor. Neulich fragte ich den Pastor von St. Pauli, ob ich bei ihm im Chor mitsingen dürfe, was er aber ablehnte. Im Fernsehen sagte er allerdings, dass er mich unterstützen würde.

 

Bis wann lebten Sie im Kloster?

 

Von 4 bis 14 Jahren.

 

Erinnern Sie sich an eine originelle Begebenheit?

 

Also besonders originell war es nicht, jeden Morgen “gelobet sei Jesus Christus...” und wir verschlafen: “Amen”. Originell war es auch nicht, dass wir drei Mal am Tag beten mussten - vor dem Essen, nach dem Essen, bis das Essen kalt war. Originell war eigentlich meine Beichte. Was ich alles so angestellt hatte. Wir mussten ja jede Woche zur Beichte, und ich musste mir jedes Mal etwas anderes aussuchen, damit ich überhaupt etwas zu sagen hatte.

 

Was ist Beichte? Halten Sie die für notwendig?

 

Ich halte Beichte schon für sehr wichtig. Wenn ich etwas Schlechtes getan habe, möchte ich es schon einem Menschen mitteilen und sagen, kannst Du mir helfen, was soll ich machen?. Mit der Schuld allein zu leben, ist etwas Schlimmes. Aber nun jede Woche beichten zu müssen, halte ich nicht für zweckmäßig. So viel hat man als Kind dann doch nicht angestellt.

 

Sie erzählten mir einmal, dass Sie mit einigen Kindern aus dem Kloster abgehauen sind. Warum?

 

Aus dem Grund, weil das Fräulein die kleinen Kinder immer aufgefordert hatte, dass sie sich mit Rollschuhen auf den Kopf hauen. Das gefiel ihr, und sie hat die Kinder, meine Schwester war auch dabei, angefeuert. Das fand ich nicht richtig. Das unerquicklichste Erlebnis war eigentlich, das mit den Zöpfen ans Bett Binden, Hände festbinden und mit einem Stöckchen drauf. Das war die Schwester Katharina, auch eine Nonne. Ich glaube nicht, dass die das mit ihrem Glauben vereinbaren konnte.

 

Haben Sie noch Kontakt zu den damaligen Kindern?

 

Ich habe nur von einer erfahren, dass die auch auf den Strich gegangen ist.

 

Sie hatten eine sehr aufrührerische Mutter.

 

Ja, sehr aufrührerisch. Meine Mutter war eigentlich eine Anarchistin. Alles, was mit Gesellschaft zu tun hatte, war für sie grauenvoll.

 

Waren Sie schon mal verliebt?

 

Nicht so oft.

 

War das sehr bedeutend für Sie?

 

Ich habe es schon lange nicht mehr erlebt.

 

Engagierten Sie sich sehr?

 

Wenn man verliebt ist, engagiert man sich doch sehr. Ich glaube aber nicht, dass ich es heute noch so könnte.

 

Was ist denn Ihr Typ?

 

Das kann ich nicht so sagen. Er braucht nicht blond oder stark zu sein, Hauptsache, er hat ein bisschen Hirn im Kopf. Und er muss Schwächeren helfen.

 

Wollten Sie eine Familie gründen?

 

Das wollte ich mal mit 15 oder 16.

 

Hätten Sie heute keine Lust, die Frau zu sein, die von ihrem Mann mit einer Prostituierten betrogen wird?

 

Man kann meiner Meinung nach die Frau nicht mit einer Prostituierten betrügen. Das schrieb ich auch damals in meinem Buch. Was wir mit den Männern haben ist nichts. Was die Ehefrauen mit ihnen haben ist alles. Ich könnte mir eine Partnerschaft vorstellen. Ich habe natürlich nichts gegen einen netten Partner, gegen einen Freund.

 

In Düsseldorf spielten Sie Theater.

 

Ja, da spielte ich die “sieben Todsünden”. So heißt das Stück von Brecht, passt ja auch zu mir. Ich hätte alle sieben spielen können. Mir haben sie aber nur eine Rolle gegeben. Ich spielte den Stolz. Ich muss sagen, dass ich bei den Proben sehr viel weinte. Das Stück hatte viel mit mir zu tun. Wenn ich schon mal etwas spiele, hat es sehr viel mit mir zu tun. Da ziehen zwei Schwestern aus, um das Glück und das große Geld zu machen. das war bei meiner Schwester und mir auch so. Sie ist daran gestorben.

 

Wozu haben Sie Lust? Was würden Sie am liebsten tun?

 

Ich würde gern im Café Sperrgebiet arbeiten, Theater machen, einige Freier nebenbei. Ich bin für alles offen. Ich habe auch schon eine Kritik geschrieben. Es muss aber möglichst viel, bunt und durcheinander sein. Nur im Büro zu hocken, das kann ich mir nicht vorstellen.

 

Werden Sie denn von Zeitungen oder Theatern angesprochen?

 

Das Theater ist wohl durch mein erstes Buch auf mich gekommen. Ich finde aber doch, dass man mir mehr anbieten könnte, da doch alle wissen, ich steige aus.

 

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

 

Da waren Leute vom STERN bei mir mit einem Fotografen. Die meinten, ich solle es doch machen. Ich dachte, warum eigentlich nicht. Keiner weiß wirklich, wie es bei uns zugeht. Damals waren die Zustände und die Situation allerdings noch nicht so schlimm wie heute - Drogen gab es in diesem Stil noch gar nicht. So wie es damals war, kann ich es auch vertreten. Wir hatten eine Wirtschafterin, und jeder konnte kommen und gehen, wann er wollte. Ich wollte die Kluft zwischen uns und den anderen abbauen. Ich wollte den Ehefrauen zeigen, so machen wir es und so könnt ihr es auch machen. Es sollte ihnen privat helfen.

 

Sie wurden viel durch die Presse gezerrt. Sie sind darüber empört.

 

Mich empört, dass das, was ich sage, in manchen Zeitungen lächerlich gemacht wird. Einmal eine Hure, immer eine Hure. Als ob es keinen Ausstieg für uns gäbe. Das empört mich. Ich habe oft etwas Soziales, was mir am Herzen lag, gesagt, und es kam nicht in die Presse. Fange ich mit Erika Berger (Sexualhilfe RTL-plus, Red.) einen Streit an, steht es überall drin. Ich kann nicht einsehen, dass mein Engagement lächerlich gemacht wird. Nehmen Sie einmal die BILD-Zeitung. Da ging es um meine Sozialarbeit. Dieser Text wurde mit einem völlig unpassenden Bild veröffentlicht. Das Bild war schon drei Jahre alt. Es handelte sich damals um eine Club-Eröffnung. Da wollten die das wieder ins Lächerliche ziehen. Darüber bin ich sehr erbost. Mir ist diese Sache zu ernst. Dafür engagiere ich mich einfach zu sehr. Ich bin dienstags nachts zu fertig, wenn ich nach meiner Sozialarbeitertätigkeit nach Hause komme. Was wollen die Leute eigentlich von mir. Wollen sie eine Hure lächerlich machen? Warum geht mein Streit mit der Berger durch alle Medien? tue ich aber etwas Soziales, interessiert sich keine Zeitung dafür. Wissen Sie, ich verbitte es mir, als Deutschlands berühmteste Hure bezeichnet zu werden. Soll doch veröffentlicht werden, Deutschlands engagierteste Hure.

 

Warum geschieht es dennoch?

 

Es muss eben auch weiterhin das Klischee von den Huren geben. Wer will den schon die berühmteste Hure sein? Dem muss im Schädel doch etwas fehlen. Ich muss allerdings sagen, dass die Reaktion der einfachen Leute auf der Straße sehr positiv ist. ich habe eine ganze Truhe voll mit Briefen, in denen die Menschen mir zureden, mir Glück wünschen. Doch meint die Presse, dass die Leute genauso bekloppt sind wie sie selber.

 

Warum agieren Journalisten so? Wegen der Auflage, um berühmt zu werden?

 

Vielleicht. Vielleicht wollen die mich auch nur lächerlich machen.

 

Sind Sie darüber enttäuscht?

 

Ich bin darüber sehr enttäuscht. Doch es gibt auch sehr gute Zeitungen und engagierte Journalisten. Z.B. Inge Stolpen, die hat angerufen und gesagt, dass sie etwas für mich tun will. Wenn so eine Frau bei mir anruft und sich empört, weil sie mich auch schon länger und besser kennt, oder die Frau Klose, die auch immer sehr nett zu mir ist, dann freue ich mich.

 

Die Leute kommen zu Ihnen und wollen einen engagierten Bericht schreiben...

 

Entschuldigen Sie mal bitte! Wenn so ein Mädchen hier ankommt und sogar meinen Namen falsch schreibt, dann kann ich nur vermuten, dass sie hier auch falsch zuhört.

 

Wie kann denn ihr Engagement unterstützt werden?

 

Es müsste mal in einer vernünftigen Sendung ein Spendenaufruf gemacht werden. Ich betone aber, dass dieser Spendenaufruf nicht für erfolgreiche Huren bestimmt ist. Z.B. hat mal der Achenbach in einer Talk-Show 500 DM für das Café Sperrgebiet gespendet. Ein paar Monate später ruft mich eine Journalistin an und sagt: “Ja der Herr Achenbach hat ja auch gespendet für die Herbertstraße”. Da war ich doch sehr empört. Die Herbertstraße braucht kein Geld. Die dortigen Huren verdienen ihr Geld. Dieser Spendenaufruf ist ausschließlich für die 14- bis 18-jährigen Mädchen, von denen ich immer sage, das sind Kinder, die sich verlaufen haben, die eigentlich keine Huren sind.

 

War denn mal der Sozialsenator bei Ihnen, um seine Hilfe anzubieten?

 

Erkundigt hat sich nur Meta Stölken von der FDP. Das ist ja auch bezeichnend. Die Politiker haben Berührungsängste. Die schicken uns eine Frau.

 

Was wollte die gute Meta Stölken denn tun?

 

Die hat gesagt, dass wir uns mal melden sollen.

 

Das war alles?

 

Ja immerhin.

 

Was wird in diesem Café denn für die jungen Mädchen getan?

 

Die haben wirklich sehr viel zu tun. Z.B. wird der einfachste Behördenweg erledigt, die Wohnungssuche, Betreuung in Bezug auf Reden, Aufarbeiten von seelischem Schmerz. So kam gerade eine Türkin an, die sich nicht mehr ins Frauenhaus traute, der suchen sie auch eine Wohnung.

 

Sie benötigen doch einen Spender, der die wöchentlichen 150 DM für einen Malkursus aufbringt. Was kann damit erreicht werden?

 

Die Mädchen können durch das Malen ihren Gefühlen zum Ausdruck verhelfen.

 

Und sie haben eine Malerin dafür.

 

Ja. Die braucht nur 150 DM. Mehr benötigt sie nicht. Kein Honorar.

 

Sagen Sie, kennen Sie das Wort Moral?

 

Ja, das kenne ich.

 

Buchstabieren Sie es bitte!

 

M O R A L

 

Fällt Ihnen zu jedem Buchstaben ein bekannter Name ein?

 

Ja, sicher.

 

Nennen Sie diese Namen bitte!

 

M wie Momper, O wie Otto, R wie Rahlfs, A wie Albrecht und L wie Lummer. Den habe ich mal persönlich kennengelernt. Der passt in jede Ecke rein.

 

Das Wort Hure ist Ihnen ja auch ein Begriff. Buchstabieren Sie das bitte auch!

 

H U R E

 

Fallen Ihnen dazu auch Namen ein?

 

Ja, dazu auch.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

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